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Drei Stunden Yoga am Tag/ vier Stunden Mediation, vegane Aufläufe, 4:30 auftstehen … Wer mich kennt, würde dies nicht unbedingt mit mir in Zusammenhang bringen. Selbst wenn ich öfter mal „komische Dinge“ tue.

Ich kann es selbst kaum glauben, doch sah genau so mein Alltag in einem Ashram an der Nordsee aus. Ganz ehrlich: Ich konnte es selbst kaum glauben! Doch mein Muskelkater bis zum kleinen Zeh hinunter und mein unglaubliches Schlafbedürfnis verrieten mir: Es schien wahr zu sein!

Was mich da wohl wieder geritten hat? Im Moment frage ich mich das auch, denn ich möchte nur noch nach Hause. SCHLAFEN! Und dennoch war es eine unglaublich bereichernde Erfahrung.

 

Okay, fangen wir von vorn an: Ein Ashram ist ein spiritueller Kraftort. Vielleicht hätte ich vorher Wikipedia befragen sollen, denn dort findet sich die Übersetzung aus dem Sanskrit mit „Ort der Anstrengung“ wer mehr wissen möchte: https://de.wikipedia.org/wiki/Aschram). Die Tradition der Ashrams stammt aus Indien und soll Menschen, die nach spirituellem Wachstum suchen, einen geschützten Rahmen bieten. Am Eingang gibt man sozusagen sein Ego, sein individuelles Bestreben, ab und fügt sich komplett in die Gemeinschaft der dort Praktizierenden ein. Inklusive striktem Zeitplan, bildenden Vorträgen (bis 22 Uhr!), Yoga, Meditation … naja und dem frühen Aufstehen eben. Nicht zu vergessen: Karma Yoga – das „Yoga der helfenden Hände“. Ein perfekter Ort wenn man sich einmal ganz bewusst aus dem trubeligen Alltag zurückziehen möchte. Sich ganz auf sich selbst ausrichten, „nach innen schauen“, möchte. Mittlerweile muss man dafür gar nicht so weit reisen wie Julia Roberts in „Eat, pray, love“. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einige Ashrams, die ganz nebenbei ganz hervorragende Ausbildungen anbieten, wie z.B. https://www.yoga-vidya.de. Völlig frei von jeglicher Konfession finden sich hier Menschen zusammen, die nach Selbsterkenntnis streben, das eigene Leuchten erfahren möchten. Etwas pathetisch könnte man sagen „Gott in sich selbst entdecken“ möchten. Es gäbe hierzu unendlich viel zu sagen … das mache ich vielleicht später noch einmal. Will ja niemanden verwirren!

 

So beginnt die Einführungsrunde nicht nur mit einer Einweisung in den zweimal täglich stattfindenden Satsang (eine Art konfessionsloser spiritueller Gottesdienst) sondern auch damit, dass man kommentarlos seine 45-minütige Karma-Yoga-Aufgabe entgegennimmt. Ich ziehe das große Los: Die Teeküche morgens vorbereiten damit alle, die sich um 5:30 aus dem Bett quälen, ihre Lebensgeister mit einem Tee erwecken können. „Eine Stunde musst du dafür mindestens einplanen.“, lautet der liebevoll strenge Hinweis der stellvertretenden Ashram Leiterin Ananda. Ja, nee klar. Ich spüre: Widerstand zwecklos. Also falle ich am nächsten Morgen zu einer Zeit aus dem Bett, die mein Wecker zu Hause gar nicht kennt, um verschlafen riesige Teekessel zu reinigen. Selbstverständlich entsprechend der klaren Anweisung denn, so wurde mir gesagt, wenn ich es nicht in der richtigen Reihenfolge tue, dann würde die Gefahr bestehen, dass die Sicherungen rausfliegen. Peng. Erster Morgen gleich ein Treffer. Nun wird es nicht mehr so einfach pünktlich um sechs selbst in der ersten Meditationseinheit zu sitzen. Die wiederum ist Pflicht, so wie alles hier. So schaffe ich es, sogar in einem Ashram Stress zu bekommen, doch schaffe es tatsächlich pünktlich in letzter Sekunde ein Fleckchen zwischen vielen schweigenden Menschen zu finden. „Findet eine entspannte Haltung, die Beine liegen entspannt im Lotussitz übereinander, Wirbelsäule aufrecht, in der ihr die nächsten 60 Minuten ohne Veränderung sitzen könnt…ganz bequem …“ Ich frage mich auch nach sechs Tagen noch, was genau der liebe Gott an meinem Bewegungsapparat verpfuscht hat, dass ich spätestens nach zehn Minuten jeglichen Kontakt zu meinem Beinen verliere. Immerhin bekommen sie mehr Schlaf ab als ich in dieser Woche. Es fällt mir merklich schwer, meinen Geist tatsächlich zu beruhigen und meine Klumpfüße einfach nicht zu beachten. Immer wieder sage ich mir „Du BIST nicht der Schmerz. Der Schmerz ist vergänglich.“ … doch es hilft nichts. Der direkt anschließende Satsang  (wie immer streikt mein Rechtschreibprogramm bei einem solchen Wort) fasziniert mich hingegen. Eine wahrlich spannende Erfahrung, wenn man die Schwingung des Klangs der von vielen Menschen gesungenen Mantras (ja, liebes Rechtschreibprogramm, ich weiß, du reichst gleich die Kündigung ein!) körperlich spüren kann. Mantras sind übrigens ebenfalls in Sanskrit gesungene „Formeln“, ausschließlich mit liebevollem Inhalt, die sich über ihre Schwingungsfrequenz in der Realität manifestieren. Sie entsprechen den Urklängen des Universums … gut, das wird schon wieder zu abstrakt. Doch da es so wichtig ist und ich grundfest davon überzeugt bin noch dies: Ja, alles auf dieser Welt besteht aus Energie. Auch Gedanken, Klänge, Worte sind Energie, die manifestiert zu Realität werden. Wir SIND reine Energie. Welch mächtiges Werkzeug! Wenn wir es alle sinnvoll zu Nutzen wüssten… Und so nutzen spirituelle Menschen, wie man sie hier z.B. trifft, diese Energie um auf ihre Art – letztlich auf die einzig wirkungsvolle Art – die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So wird beispielsweise jeden Tag in allen Yoga Vidya Zentren gleichzeitig eine Stunde lang das Friedensmantra „Om Namo Narayanaya“ gesungen. Könnt ihr euch vorstellen, dass wir uns statt durch sinnlose Kettenbrief-Whats App Nachrichten über eine Friedensmantra-Kette verbinden? Sieben Milliarden Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig um 19 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Schlagartig wären vermutlich alle Kriegsgeschehnisse beendet! Ein Hinrgespinst? Ganz und gar nicht! Seit den 70er Jahren gibt es viele Experimente dazu. So sank Anfang der 70er in vier amerikanischen Bundesstaaten gleichzeitig die Kriminalitätsrate dadurch, dass man viele sehr bewusste Bürger gleichzeitig meditieren ließ.  Sogar viele Fachmagazine aus Psychologie und Soziologie berichten darüber. Über 600 Studien gibt es mittlerweile zur Wirkung von Meditaion (und Mantra Gesänge sind eine Form davon, bei der man zusätzlich zu Gedankenkraft noch Klänge einsetzt). Wer skeptisch ist, der kann hier gern weiterforschen: https://meditation.de/terror-option%E2%80%A8/

So haben meine eingeschlafenen Beine doch wenigstens einen Sinn.

Um die Sache abzukürzen: Als es um 11 Uhr Frühstück/ Mittag gibt, bin ich bereits sechseinhalb Stunden wach, die abgesehen von fünfminütigen Pausen gefüllt waren mit Meditation, Yoga, philosophischen Vorträgen … und Tee kochen. Erwartungsvoll steuere ich auf das als „gesundes Vollwertbuffet“ beschriebene Essen zu. Ja, ich gebe zu, meine Geschmacksnerven konnten sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich mit Hirsebrei, veganen Frikadellen und sonstigem Vogelfutter anfreunden. Dementsprechend entsetzt starre ich auf die von den Bewohnern – im Karma Yoga – selbst gekochten Speisen…und setze mich in mein Auto um mich im nächsten EDEKA tonnenweise mit Nüssen einzudecken. Gerade so zu schaffen, bevor es mit den nächsten Workshops weitergeht. Bis 22 Uhr, unterbrochen von erneuten Meditationen, dem Abendsatsang und einem zweiten Vollwertbuffet. Jippie.

Hört sich alles nach selbstgewähltem Wahnsinn an? Irgendwie schon. Doch ab dem dritten Tag scheint mein Ego die weiße Fahne zu schwenken. Selbst der vorgeschriebene Schweigetag kann es nicht erschüttern. Wie aus einer Vogelperspektive schaue ich mir selbst dabei zu, wie ich ganz ohne Groll mit verschlafenen Augen den Ingwer für das Ingwerwasser raspel, lauthals und falsch Mantras singe und versuche, in Vorträgen paralleles Wissen aus der Gehirnforschung einzubringen. Und ich entdecke, dass man sich von selbstgebackenem Brot mit Biobutter und Kresse auch ganz gut ein paar Tage über Wasser halten kann. Ich bewundere die Menschen, die sich hingebungsvoll auf den Weg zur höchsten Wahrheit begeben. Viele von ihnen leben über mehrere Jahre oder zumindest Monate hier. Eine funktionierende Gemeinschaft in der jeder sein Bestes zum höchsten Wohle aller gibt. Philosophisch und praktisch. Ein Ausblick auf eine neue Gesellschaft? Das höchste Ziel eines Yogi ist es, sich selbst als reines Bewusstsein zu erfahren. Man könnte auch sagen, die Erleuchtung zu erlangen. Auch ich glaube fest daran, dass wir alle letztlich nicht mehr als reine Energie, reines Bewusstsein sind. Nicht mehr …vor allem aber auch nicht weniger. Doch ist es tatsächlich unser Aller Ziel in diesem Leben zur Erleuchtung zu gelangen? Ich meine, warum hat Gott uns dann mitten in die Dualität gestellt? Nach sechs spannenden, inspirierenden Tagen bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nicht außer der strikten Selbstdisziplin in diesem neuen Zeitalter einfachere Wege zur höchsten Wahrheit gibt. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob es meine innere Wahrheit oder mein Ego ist, was mir ins Ohr flüstert, dass es andere Wege zum Berggipfel geben muss als den über völlige Übermüdung und heftigsten Muskelkater. Heizt man das Ego nicht sogar noch mehr an, indem man sich eigentlich nur schlecht fühlen kann, wenn man es nicht schafft, jeden Tag noch vor der Arbeit die empfohlenen 2 Stunden mit Yogapraktiken, Atemübungen und Meditation zu verbringen? Ist nicht jeder Mensch mit einer anderen Lebensbestimmung gekommen? Und vielleicht gehört es eben nicht zu meiner Bestimmung, diesen steilen Pfad zu gehen. Vielleicht wollte der liebe Gott oder sagen wir mal „die eine steuernde Energie“ doch eher, dass ich ganz pragmatisch über das „so gut wie möglich wahrhaftig im Alltag leben“ ein inspirierendes Zeichen setze?! Vielleicht auch, dass ich ein paar Menschen ab und zu über „merkwürdige Ansichten“ und komische Schreiberei für ein paar Minuten aus ihrem Alltagsbewusstein heraushole?

Mein Fazit dieser Woche: Bereichernde Begegnungen, neue Blickwinkel, sehr viel wahrhafte Gedanken … doch auch sehr viel Müdigkeit und der Muskelkater meines Lebens. Dennoch eine unbedingt zu empfehlende Erfahrung!

Om Shanti!

 

 

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